Oranienburg, 23. April 2026 – Die Digitalisierung der kommunalen Beteiligung ist längst kein reines Nischenthema mehr, sondern ein zentraler Baustein moderner Verwaltungsarbeit. Das zeigte sich deutlich bei der Sitzung des 150. Rechts- und Verfassungsausschusses des Deutschen Städtetags, bei der wir als Forschungsverbund „Erfolgsfaktoren lokaler E-Partizipation“ (ErLE) unsere aktuellen Studienergebnisse vorstellten.
Im Rahmen unserer durch die Stiftung Mercator geförderten Forschung haben unser Forschungsverbund erstmals in Deutschland ein umfassendes “Mapping” der digitalen Bürgerbeteiligung in allen 10.751 Städten und Gemeinden vorgenommen. Mit 2.390 teilnehmenden Kommunen und einer beeindruckenden Rücklaufquote von 22,2 % verfügen wir über eine einzigartige empirische Datenbasis. Die Präsentation unserer Kernergebnisse diente als direkter Impuls für eine tiefgehende und teils kritische Diskussion mit den Anwesenden aus der Verwaltungspraxis.
ITransparenz vs. Trolling: Die Frage der Legitimität
Ein zentrales Ergebnis unserer Erhebung zeigt: Das wichtigste Ziel, das Kommunen mit digitaler Beteiligung verfolgen, ist die Erhöhung der Transparenz (mit dem höchsten Relevanz-Mittelwert von 4,25). Genau dieser Befund löste im Ausschuss eine spannende Debatte über die Qualität des digitalen Diskurses aus.

Bürgerbeteiligung lebt von konstruktivem Austausch, sieht sich im digitalen Raum jedoch oft mit dem Phänomen des “Trollings” konfrontiert. Zurecht wurde aus den Reihen des Ausschusses die Gegenfrage aufgeworfen, wie unter solchen Bedingungen überhaupt politische Legitimität und echtes Vertrauen (ein weiteres zentrales Ziel der Kommunen) geschaffen werden kann. Für uns als Beteiligungsforschende bestätigen diese berechtigten Bedenken aus der Praxis eine unserer Kernprämissen: Digitale Tools sind kein Selbstläufer. Sie benötigen klare Moderationskonzepte, verifizierte Zugänge und eine transparente Kommunikationsstrategie, um Vertrauen nicht zu erodieren, sondern zu stärken. Mehr über die Notwendigkeit von Rahmenbedingungen bei digitaler Beteiligung können sie im Beitrag von Dr. Nadja Wilker in unserem Blog lesen.
Repräsentative Demokratie und E-Partizipation: Kein Widerspruch

Unsere Analyse liefert hierzu spannende Fakten: Die Haupttreiber für digitale Partizipation in den Kommunen sind vor allem die Bürgermeister:innen (55,7 %) und Verwaltungsmitarbeitende (53,0 %), während politische Fraktionen (18,1 %) und Ausschüsse (7,6 %) deutlich seltener die treibende Kraft sind. Das löste eine Diskussion, aus ob Räte durch digitale Maßnahmen übergangen werden. Unsere Antwort darauf lautet: Das Gegenteil sollte der Fall sein. Digitale Beteiligungsmaßnahmen sollen die Räte nicht ersetzen, sondern ihnen ein differenzierteres Stimmungsbild der Bürgerschaft liefern und somit als wertvolles Sensorium für die Entscheidungsfindung dienen. Mehr zu diesem Spannungsfeld lesen Sie im Beitrag unseres Kollegen Prof. Dr. Christian Pieter Hoffmann.
Instrumente im Fokus: Es gibt nicht das „eine“ Tool
Eine weitere drängende Frage aus dem Ausschuss zielte auf die konkreten Instrumente ab: Welches Tool garantiert erfolgreiche E-Partizipation?
Auch hier lieferen unsere Daten eine Antwort: Die Wahl der Mittel hängt stark vom jeweiligen Kontext ab. So greifen Landgemeinden beispielsweise deutlich häufiger auf Beteiligungs-Apps und Messenger-Dienste zurück, während in Großstädten komplexe, kartenbasierte Visualisierungen und Diskussionsforen zum Einsatz kommen. Diese Erkenntnisse sind für die Praxis essenziell, um Kommunen vor teuren Fehlinvestitionen zu bewahren. Wie digitale Beteiligung im ländlichen Raum gelingen kann, beleuchtet Prof. Dr. Christian Pentzold in unserem Blog.
Von Makro-Daten zur „Anfassbarkeit“
Ein wertvoller Impuls aus dem Feedback der Stakeholder war der Wunsch nach mehr “Anfassbarkeit”. Makro-Daten sind wichtig, um den Status Quo zu verstehen, für die Verwaltungspraxis vor Ort braucht es jedoch konkrete, greifbare Erfolgsfaktoren.
Wir nehmen diesen Auftrag ernst. Um unsere Studienergebnisse für Kommunen direkt nutzbar zu machen, haben wir ein interaktives Tool entwickelt: Mit unserem Dashboard können Entscheidungsträger unsere Daten ab sofort interaktiv erkunden. Nehmen wir etwa die Wahl der Instrumente: Das Dashboard informiert, welche Gemeinde welche Beteiligungsinstrumente nutzt. Diese Informationen können nach Größe, Region etc. gefiltert werden. Wenn Gemeinden also wissen wollen, wie Gemeinden ähnlicher Größe verfahren, finden sie wertvolle Hinweise durch das Dashboard – ein möglicher erster Schritt zum Erfahrungsaustausch.
Die Diskussion hat gezeigt: Der Weg zu einer gelingenden digitalen Demokratie ist komplex, und es geht weder ohne eine solide Datenbasis noch ohne den Blick für praktische Notwendigkeiten. Daher ist der Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis für die Erarbeitung fundierter und effizienter Lösungen für digitale Beteiligung unverzichtbar.
Weiterführende Literatur:
Zum Datenbericht:
Kneuer, Marianne; Hoffmann, Christian; Marschall, Stefan; Pentzold, Christian; Wimmer, Maria; Donix, Johannes; Feiler, Thomas; Pestow, Radomir; Stock, Bastian; & Wilker, Nadja (2025). Data Report: Survey “Digital Participation on the Local Level”. Projektkonsortium ErLE, https://doi.org/10.17605/OSF.IO/FQNV7
Zum Technischen Bericht:
Wimmer, M. A., Pestow, R., Kneuer, M., Hoffmann, C. P., Marschall, S., Pentzold, C., Donix, J., Feiler, T., Stock, B., Wilker, N., Dua, A., & Siahi, A. (2026). Das Dashboard zum Verbundprojekt „Erfolgsfaktoren lokaler E-Partizipation: Mapping und Stärkung digitaler bürgerschaftlicher Beteiligung in deutschen Kommunen“ (ErLE). https://doi.org/10.34657/29305
