Im Rahmen unseres Fachevents „Von Daten zu Taten“ am 11. Februar 2026 im VKU-Forum Berlin haben wir aktuelle Ergebnisse unserer bundesweiten Studie zur digitalen Bürgerbeteiligung in deutschen Kommunen vorgestellt. Die Befunde zeigen: 33 % der befragten Kommunen bieten bereits digitale Bürgerbeteiligung an, weitere 12-14 % planen deren Einführung. Im Anschluss an die Präsentation haben wir diese Ergebnisse mit Expertinnen und Experten aus der Praxis diskutiert – mit dem Ziel, die Studienbefunde an der Realität kommunaler Beteiligungspraxis zu spiegeln.
Im Zentrum der Diskussion stand die Frage, wie digitale Partizipation vor Ort tatsächlich umgesetzt wird, welche Hürden bestehen und wo die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit besonders groß ist.
Auf dem Podium diskutierten:
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Theresa Lotichius (Geschäftsführerin, Wer denkt was GmbH)
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Matthias Großklaus (Agora Digitale Transformation)
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Alexander Handschuh (Deutscher Städte- und Gemeindebund)
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Oliver Märker (Zebralog)
In der Paneldiskussion kristallisierten sich folgende fünf Kernthemen heraus:
1. Landpragmatismus vs. Großstadt-Bürokratie
Die Diskussion verdeutlichte, dass digitale Beteiligung stark kontextabhängig ist. Während Großstädte häufig über institutionalisierte Fachabteilungen und ausdifferenzierte Beteiligungsportale verfügen, gehen kleinere Kommunen deutlich pragmatischer vor. Mehrere Diskutanten betonten, dass der digitale Austausch in ländlichen Gemeinden teils über informelle Kanäle wie WhatsApp-Gruppen stattfindet, also abseits kommunaler Infrastruktur. Das Panel plädierte dafür, stärker auf aufsuchende Beteiligung zu setzen: Kommunen sollten den Bürgerinnen und Bürgern dort begegnen, wo die Debatte bereits stattfindet, statt darauf zu setzen, dass diese von sich aus städtische Portale aufsuchen.
2. Die Frage der Standardisierung: Zentralisierung vs. kommunale Autonomie
Aus dem Publikum kam die Forderung nach zentralen, bundesweiten Lösungen, um den vielfach beklagten „Flickenteppich“ an kommunalen Tools zu überwinden. Das Panel dämpfte diese Erwartung jedoch, insbesondere aus Dienstleisterperspektive. Die Praxis zeige, dass Standardlösungen regelmäßig an den individuellen Anforderungen einzelner Kommunen scheitern. Einigkeit bestand hingegen bei der Notwendigkeit einheitlicher Datenstandards und Schnittstellen (Interoperabilität), damit Eingaben von Bürgerinnen und Bürgern effizienter in Verwaltungsprozesse überführt werden können, ohne Informationen mehrfach abfragen zu müssen.
3. Erwartungsmanagement: Was kann Bürgerbeteiligung leisten?
Ein zentraler Kritikpunkt war die häufige Überfrachtung von Bürgerbeteiligung mit unrealistischen Zielsetzungen. Wenn Kommunen vage formulieren, sie wollten „die Demokratie stärken“ oder „Entscheidungsprozesse transparenter machen“, entstehe auf beiden Seiten Frustration, sobald diese Versprechen nicht messbar eingelöst werden. Alexander Handschuh betonte, dass Beteiligung punktuelle Probleme lösen könne, aber nicht per se dem Verfall lokaler Demokratie entgegenwirke. Entscheidend sei eine klare „Wofür-Frage“ und die Definition enger Spielregeln für den konkreten Beteiligungsgegenstand.
4. Mängelmelder sind keine Beteiligungsverfahren
Das Panel arbeitete einen klaren Unterschied zwischen kontinuierlichen Angeboten (wie Mängelmeldern) und Beteiligungsverfahren im engeren Sinne heraus. Aus Sicht der Diskutanten sind konkrete Beteiligungsverfahren erfolgsversprechender (zeitlich begrenzt, genauer thematischer Bezug, klare Regeln). Die Praxis zeige jedoch, dass sich hinter vermeintlichen Mängelmeldungen häufig weitergehende Ideen und politische Vorschläge verbergen. Dieses Potenzial wird nach Einschätzung des Panels derzeit verschenkt, weil Mängelmelder als Format nicht darauf ausgelegt sind, entsprechende Eingaben an die richtigen Stellen weiterzuleiten und so in passende Verwaltungsprozesse zu überführen.
5. Der „Osteffekt“: Digitale Beteiligung als Reaktion auf Mobilisierung?
Ein überraschendes Ergebnis der Studie war die vergleichsweise hohe Adoptionsrate digitaler Bürgerbeteiligung in ostdeutschen Klein- und Mittelstädten. In der Diskussion wurde die These formuliert, dass dies eine Reaktion auf verstärkte Mobilisierung gegen etablierte politische Prozesse sein könnte, etwa bei konfliktbehafteten Themen wie Windkraftausbau oder der Unterbringung von Geflüchteten. Kommunen versuchen demnach, Bürgerinnen und Bürger, die sich durch klassische Repräsentation nicht mehr ausreichend vertreten fühlen, über neue, kanalisierte Beteiligungsformate wieder in den demokratischen Dialog einzubinden.
Videoaufzeichnung & Studie Möchten Sie tiefer in die Diskussion eintauchen? Die vollständige Videoaufzeichnung des Panels finden Sie hier:
